„Mama, wenn ich die Aufgabe nicht mach, krieg ich ne Strafarbeit“ sagt mein Sohn. Erschöpft und müde sitzt er vor mir, die ersten Schultage sind anstrengend für ihn. Und er macht die Hausis, aus Angst Ärger zu bekommen. Übergeht sein Gefühl nach Ruhe und Erholung, strengt sich an, damit er nur ja bald fertig ist.

Seitdem ich Mutter bin habe ich das Gefühl ständig mit der Angst konfrontiert zu sein. Und das viele getroffene Entscheidungen auf Ängsten beruhen. Manche sind sehr präsent, andere wiederum sind eher versteckt und tauchen erst auf wenn man anfängt eine Entscheidung abzuwägen, oder dieses oder jenes Verhalten zu hinterfragen. Oder wenn ich plötzlich in Erziehungsmuster abrutsche, die nicht mit meiner Haltung und meinen Werten übereinstimmen, habe ich meistens auch vor irgendetwas Angst (Kontrollverlust als Beispiel). Manchmal betreffen die Ängste auch gar nicht mich persönlich, sondern meine Kinder oder meinen Mann, mit denen ich mich aber auch auseinandersetzen muss. Es gibt auch Ängste die provoziert werden, wie das obige Beispiel und Ängst die aus Erfahrungen/Traumatas entstanden sind.

Am Anfang habe ich mich in der „Erziehung“ meiner Kinder oft von Angst leiten lassen. Sie war einfach lauter als mein Bauchgefühl.

Ängste liegen in uns, sie sollen uns vor gefährlichen Situationen bewahren, sollen verhindern das wir falsche Entscheidungen treffen, das giftige Grünzeug essen, oder jemanden begleiten der uns unsympathisch ist und wir einfach ein mulmiges Gefühl haben. Sie beschützt uns gewissermaßen und gehört zum Leben dazu. Deshalb empfinde ich die Angst aber nicht immer als etwas schlechtes. Sie kann ein Ratgeber sein – muss es aber nicht.

Es gibt aber auch viele Ängste die uns von außen suggeriert werden und uns als Menschen das Gefühl der Intuition für uns und unsere Kinder nehmen. Wir werden ganz oft von außen verunsichert und die vielen Stimmen die da auf uns einprasseln überdecken unsere leise Stimme im Inneren die uns vielleicht sagen will „Hey, du brauchst dir keine Sorgen machen, alles ist gut“

In unserer Gesellschaft gibt es viele Systeme die uns vermitteln wollen, dass sie nur das beste für uns tun…

  • Ärztliche Vorsorgeuntersuchungen versprechen uns Kontrolle und Norm-alität. Abweichungen sollen früh erkannt und behandelt werden..
  • Die Werbung verspricht uns großartige Produkte. Nur dieses oder jenes ist für uns und für unser Kind gut. Oder das wir zuckerhaltige Obstpürees unbedingt brauchen, denn sonst kann unser Kind nicht gesund aufwachsen oder wenn es dieses Spielzeug nicht hat, lernt es zu spät die Farben kennen…
  • In den Bücherregalen stehen Ratgeber die uns vermitteln das ein „Schreien lassen“ überhaupt nicht schlimm ist und das unser Baby schließlich lernen muss, dass eben nicht 24h lang jemand da ist, der es bewacht und beschützt – das muss man schließlich früh genug vermitteln, sonst kann es passieren das es uns mit 1 Jahr auf der Nase herumtanzt…
  • Schule ist zum lernen da und wo sonst sollen unsere Kinder Bildung erfahren wenn nicht da. Außerdem sollen wir alle eins sein, in einer Gemeinschaft leben, lernen und arbeiten. Da ist die Schule ernste Vorbereitung für das spätere Leben… Individuell sein kann man ja noch später, jetzt muss man sich anpassen, was denken sonst die anderen?

*falls du hier Ironie lesen solltest… das stimmt schon so*

Die Liste ließe sich wohl endlos fortführen. Auch Erziehung hat viel mit der Angst in uns zu tun. Die Auswahl an Empfehlungen, Methoden, Zehnpunkteplänen, Angeboten… ist dermaßen groß, dass es mir ganz schwindlig wird, wenn ich hier sitze und mir das mal so bewusst werden lasse… Wir bekommen soviel von außen vorgegeben, in manchen Bereichen kann man sich dann auch noch für das oder das entscheiden… Und als Eltern trifft man ja die Wahl nicht nur für sich, sondern für einen Menschen der einem anvertraut ist. Den du physisch und psychisch gesund aufwachsen lassen möchtest, der vieles nicht alleine entscheiden kann und du hast von vornherein vielleicht schon Angst ob du es denn überhaupt „richtig“ machen kannst und zweifelst immer wieder…

…und dann steht da ein Verkäufer vor dir, der dir versucht klar zu machen, dass du das Babyphone mit integrierter Überwachungskamera, mit Nachtsicht, Gegensprechanlage und Temperaturüberwachung fürs Kinderzimmer natürlich brauchst. Denn das Baby soll ja alleine schlafen, nicht? Und dann musst du ja wissen ob alles ok ist, nicht? Du willst doch, dass dein Baby sicher schlafen kann? Und du kannst zu jeder Zeit dein Baby sehen, du kannst sogar mit ihm sprechen wenn es weint und du kannst es beruhigen… Als werdende Mama oder Papa, denkst du dann vielleicht „Warum nicht…wäre doch praktisch, unser Kind immer beobachten zu können – egal wo ich bin, dann muss ich nicht jedes mal ins Zimmer gehen wenn es sich mal meldet, sondern kann erstmal schauen ob es „dringend“ ist. Oder wir können es von Anfang an in seinem Zimmer schlafen lassen, denn wir können ja alles überwachen… Aber eigentlich hast du dir vorgestellt mit deinem Baby in einem Zimmer zu schlafen, weil es sich gut anfühlte dieser Gedanke. Da war Liebe, Wärme, Nähe spürbar. Aber im Verkaufsgespräch kannst du das nicht hören und nicht fühlen, vielleicht denkst du kurz darüber nach, aber schließlich weiß ja der Verkäufer von was er redet und er wird bestimmt recht haben…

Du kaufst das Gerät und du benutzt es auch. Das Problem ist nur, dass dein Baby nicht weiß das es sich im 21. Jahrhundert befindet und es keine Angst mehr haben muss, wenn Mama oder Papa den Raum verlassen. Es weiß auch nicht, dass es Hilfsmittel gibt und Mama und Papa jederzeit wissen was los ist und jederzeit wiederkommen. Es weint aus Verunsicherung und Angst und wenn darauf in den ersten Lebensmonaten nicht prompt reagiert wird, lernt das Baby nicht „Aha, meine Eltern haben technische Helfer, ich kann sie zwar nicht sehen aber die Stimme die da raus kommt gehört Mama und Papa und ich weiß das sie da sind und mich beschützen“

Das Baby lernt „Sei still und verhalte dich lieber ruhig. Nur dann machst du nicht auf dich aufmerksam und wirst nicht verschleppt oder gefressen. Es bringt nix wenn du laut schreist, es kommt keiner. Du musst dein Gefühl der Angst verstecken“ Der erste Stein zu einem versteckten angstbesetzten Mechanismus kommt so vielleicht ins rollen…

Natürlich ist dies „nur“ ein Beispiel, es ist fiktiv und vielleicht auch etwas überzogen.

Aber ich glaube das solche Verkaufsgespräche tatsächlich ähnlich statt finden. Um Profit zu machen. Um die Konsumgesellschaft aufrecht zu erhalten. Um neue wirtschaftlich profitable Menschen heranwachsen zu lassen. Denn wenn wir nicht glücklich sind, kaufen wir. Und wir können nur dann glücklich werden, wenn wir uns selbst vertrauen, in unsere Kraft kommen, das tun was uns unser Herz sagt und unsere Intuition als Kompass nutzen.

Aber meist ist es dann doch so, dass die Angst lauter ist.

Sind ärztliche Vorsorgeuntersuchungen immer nur zu unserem besten? Oder die Empfehlung für Nahrungsergänzungsmittel? Lernen wir dann am besten wenn wir Angst vor der Strafarbeit haben? Hilft uns die Angst vor dem Allein-sein selbstständiger zu werden? Wollen Forscher, Mediziner, Entwickler, Politiker etc. immer das beste für alle?

Natürlich ist ein großer Gewinn in unserer Zeit zb. die medizinische Versorgung, viele Menschen profitieren von einer frühzeitigen Vorsorge und Versorgung und ich will es nicht grundsätzlich als „schlecht“ oder „unnötig“ titulieren. Aber oft findet Aufklärung auch nur recht einseitig statt. Und Bildung für alle finde ich richtig und ist wichtig, aber müssen Kinder und Eltern Angst vor dem Schulsystem haben, wenn bestimmte Anforderung nicht gegeben sind?

Und ja, es gibt viele tolle Goodies die uns das Leben erleichtern und bereichern.

Ich habe nur irgendwie den Eindruck das ganz viel mit unseren Ängsten „gespielt“ und auch Geld verdient wird. Natürlich wissen Konzerne und Medien, dass Eltern für ihre Kinder immer nur das beste wollen und sie am liebsten vor allem Übel auf dieser Welt beschützen möchten. Und das macht uns doch zu den idealen Käufern?

Wir kleben Schubladen zu, polstern Ecken und Kanten, sichern Fenster und Treppen. Alles natürlich in unseren Augen sinnvoll, denn es geht um die Sicherheit unseres Kindes und wir Eltern haben einfach Angst. Angst, dass sich unser Baby den Kopf stößt oder irgendwo einklemmt, Angst das es doch noch nicht so weit ist in der Entwicklung und es sich dann verletzen könnte…

Es gibt natürlich Gefahren für unsere Kinder die wir als Eltern beseitigen müssen bzw. verantwortlich unser Kind schützen müssen. Dazu gehört, dass wir evtl. scharfe Gegenstände weg legen oder abpolstern, die Küche sichern, einen Treppenschutz anbringen oder die Fenster sichern, keine Putzmittel in den ach-so-schönen-bunten-Flaschen rumstehen lassen, oder lustige-bunte Medikamente/Tabletten in erreichbarer Höhe rumliegen. Wie viel wir zB. kindersicher machen, hängt wahrscheinlich von unseren eigenen Erfahrungen ab und wie viel Ängste auch in uns liegen. Welches Vertrauen wurde uns als Kind mitgegeben, wurde uns viel verboten weil unsere Eltern Angst hatten? Aber die Hersteller von zB. Baby- und Kinderprodukten lassen sich immer mehr einfallen und verdienen mit der Angst der Eltern viel Geld.

Angst ist nicht immer ein guter Ratgeber

Ja auch ich wollte (und will es immer noch…) am liebsten meine Kinder in Watte packen und vor allen möglichen Gefahren beschützen. Aber um welchen Preis? Und wer muss diesen Preis bezahlen? Angst kontrolliert uns, wenn wir nicht aufpassen und uns mehr auf äußere Meinungen und Empfehlungen verlassen, als auf unser eigenes Bauchgefühl. Angst hemmt uns und unsere Kinder in der Entwicklung. Sie macht uns klein. Angst fühlt sich ganz eng an und lässt uns kaum atmen. Angst macht uns unter Umständen zu gehorsamen Bürgern…

Versteht mich nicht falsch, ich plädiere nicht dafür das wir keinen Ecken- und Kantenschutz anbringen sollen oder Kindersicherungen für die Steckdose verkehrte Investitionen sind. Ich will auch nicht das keiner mehr zu Vorsorgeuntersuchungen geht. Auch wir haben solche Sicherungen zuhause angebracht, weil wir unserem Kind möglichst viel Raum für Autonomie und Mobilität bieten wollten. Wir haben giftige Pflanzen entsorgt, die Schranktür für den Mülleimer-/Putzschrank verschlossen und den abschließbaren Medikamentschrank in Erwachsenenhöhe angebracht. Wir gehen zu den U-Untersuchungen und regelmäßig zum Zahnarzt, weil uns unsere Gesundheit wichtig ist und wir wissen das es ein kostbares Gut ist.

Was aber für uns immer wichtig war und immer noch ist: Aus welchen Gründen entscheiden wir was? Welche Motivation leitet uns? Und wenn wir etwas aus Angst entscheiden, ist diese dann gerechtfertigt? Stimmt sie mit unserem Gefühl überein? Müssen wir uns immer für die Angst entscheiden, oder dürfen wir sie auch einfach mal loslassen?

„Tue täglich eine Sache die dich ängstigt“ Eleanor Roosevelt

Was ich einfach damit sagen will: Es gibt viele (junge) Eltern die sich durch unterschiedliche Faktoren verunsichern lassen. Da steht ihnen ihre eigene Angst im Weg, das fehlende Selbstvertrauen, oder sie haben selbst als Kind nicht erfahren das es gut sein kann auf seinen Bauch zu hören. Und durch das Vertrauen in Medien/Konzerne, sich dazu bewegen lassen, unnötige Investitionen oder Untersuchungen zu tätigen, weil sie damit ihr Kind schützen wollen… diese anfängliche Angst wird aber, in meinen Augen, langfristig betrachtet nicht gebessert durch den Kauf eines High-Tech-Babyphones. Ich glaube sogar das die Angst in uns weiter geschürt wird, dass das eigene Bauchgefühl noch ein bisschen stiller wird, wir uns wieder ein Stück mehr auf Methoden oder Geräte verlassen oder sonstige Konzerne/Institutionen/Systeme. Denn alle wollen doch nur das beste für uns, oder?

Wir geben Verantwortung für uns und unsere Kinder ab und lernen gar nicht, uns mit unsere Sorgen und Ängsten auseinanderzusetzen, zu hinterfragen und mithilfe unserer Intuition eine gute Entscheidung zu treffen. Wir haben oft verlernt Vertrauen in uns und das Leben zu haben.

Wir nehmen auch dem kleinen Menschen wichtige Erfahrungen in jeglicher Beziehung und zusätzlich werden wir als Eltern auch die Angst weiter geben. Wie sollen wir Selbstvertrauen weitergeben, wenn wir uns nach dem außen richten? Wie sollen wir unseren Kindern beibringen, dass es gut ist auf seinen Körper zu hören, wenn wir von Beginn an die Stimme ignorieren? Uns mit Koffein wieder wach machen, anstatt auszuruhen. Schmerzmittel nehmen um uns zu betäuben und am Ende des Tages ein Beruhigungsmittel nehmen, damit wir zur Ruhe kommen.

Ich will nicht alles schwarz malen. Es gibt gute Entwicklungen die uns weiter bringen. Aber meiner Meinung nach brauche ich als Mensch zu aller erst ein gutes Körpergefühl, ich brauche Selbstvertrauen und Selbstbewusstsein. Ich brauche eine Intuition die ich höre, die mir mitteilen kann ob sich das „stimmig“ anfühlt oder nicht. Gerade als Eltern, so ist meine Erfahrung, kann uns eine „hörbare“ Intuition helfen zwischen all den Wahlmöglichkeiten ein gesundes Mittelmaß zu finden. Oder vielleicht auch das ein oder andere abzulehnen, weil wir merken das es uns nicht gut geht dabei. Um dann wiederum auch für unsere Kinder „gute“ Wege zu finden.

Wie triffst du deine Entscheidungen?

Alles Liebe,

deine Maria

Wie Ängste uns und unsere Intuition beeinflussen können.

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