In der Geschichte der Erziehung gab es schon viele verschiedene Ansätze und die Begleitung von Kindern verändert sich immer wieder. Mal wird Eltern geraten möglichst wenig auf das weinen zu reagieren und von körperlicher Nähe Abstand zu nehmen und dann gibt es wieder andere, die genau die entgegengesetzte „Meinung“ vertreten. Die einen finden Stoffwindeln richtig, die anderen abhalten (Windelfrei) und die nächsten schwören auf die herkömmliche Einwegwindel. Dann gibt es das Thema Schlafen, Essen, Tragen und im Laufe der Zeit kommen viele andere Themen dazu mit denen sich Eltern befassen müssen. Aus diesen vielen Meinungen haben sich im Laufe der Zeit verschiedene Erziehungsstile oder Erziehungstrends entwickelt. Und viele Eltern suchen sich meistens den für sie passenden „Stil“ oder „Trend“ raus. Wie sie verschiedene Dinge angehen wollen, wird von vielen einzelnen Faktoren beeinflusst – die eigene Biographie, Wertevorstellungen, Religion, sozialer Status, Weltanschauung etc. Wir sind eine äußerst gut informierte Gesellschaft. Es war noch nie so leicht schnell an Informationen zu einem bestimmten Thema zu kommen und genau hier liegt auch oft die Krux. Genauso schnell werden wir unter Umständen auch verunsichert. Und es war erst vor ein paar Tagen als ein Artikel hier im Netz um sich schlug – im wahrsten Sinne des Wortes. Und Susanne Mierau von geborgen-wachsen.de hat zu einer Blogparade eingeladen. Es werden noch viele andere Artikel zu lesen sein und ich lade dich ein einfach mal in Ruhe zu stöbern.

Dieser Artikel verunsichert in meinen Augen gerade junge Eltern, die sich auf ihrem Weg in die Elternschaft befinden und wichtige Grundsteine für die Entwicklung ihres Babys legen. Und wie ihr vielleicht wisst kann ein Baby sich dann am besten entwickeln, wenn das Verhalten der Eltern dem Kind Liebe, Sicherheit und Urvertrauen signalisieren. Wer auf meinem Blog liest oder auf Facebook weiß, dass das für mich auch ein ganz wichtiges Thema ist 🙂 Und deshalb beteilige ich mich an dieser Blogparade und möchte meine Sichtweise dazu äußern.

Der Artikel aus der Zeit beschäftigte sich mit einem Thema, dass mir nicht ganz unbekannt ist, weil es genau diese o.g. positive Entwicklung zum Ziel hat: Attachment Parenting. Ich möchte hier keinen langen Beitrag darüber schreiben, dafür gibt es andere tolle und weitaus kompetentere Expert-innen 😉 Aber ich möchte, für die die damit eher wenig anfangen können, kurz darauf eingehen um was es dabei grob geht:


Dr. William Sears entwickelte mit Martha Sears ein Konzept, dass Eltern Möglichkeiten aufzeigt wie sie die Bindungs- und Beziehungsqualität zu ihren Baby´s vertiefen und stabilisieren können und sich somit auch die Kommunikation zwischen Eltern und Baby sozusagen „verfeinert“. Die Eltern werden sensibler für die Signale ihres Kindes. 2001 erschien das Buch The Attachment Parenting Book indem die beiden dieses Konzept erklären und Eltern Methoden an die Hand geben um die Beziehung zu ihren Baby´s im 1.Lj Bindungs- und Bedürfnisorientiert gestalten zu können. Dabei geht es aber nicht nur um die ausschließlichen Handlungen, sondern auch um die Haltung die Kindern entgegengebracht wird. Die Methoden sollen und können diese Haltung unterstützen. Es soll Alternativen bieten zu der herkömmlichen Annahme, dass Baby´s verwöhnt werden können und schreien gelassen werden müssen. Die beiden beschreiben dabei die 7 Baby B´s:

  • Aufnahme des Körper- und Augenkontakts zwischen Mutter und Kind sofort nach der Geburt
  • bedarfsorientiertes Stillen, statt Flaschenernährung
  • möglichst häufiges Tragen des Kindes („Babywearing“)
  • gemeinsames Schlafen („Co-Sleeping“)
  • Beachtung der Signale des Kindes, um jedem Schreien zuvorzukommen
  • Verzicht auf Schlaftraining
  • Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter

In dem genannten Artikel (der von der Zeit.de veröffentlicht wurde und sicher viele Eltern erreicht hat) ging es nun also um dieses Thema…und in diesem Zusammenhang um die Aufopferung einer Mutter, weil sie diesem „Trend“ folgte. Die Verfasserin klagt ihr Leid, wie es ihr geht oder ging und was sie verändert hat. Sie steht mit einer Bronchitis auf dem Spielplatz und stellt eine ganze Methode in Frage, weil sie selbst sich aufgeopfert hat. Und sie plädiert für die Durchsetzung eigener Bedürfnisse und erklärt warum Attachment Parenting zur Aufopferung führt… Für mich stellt sich die Frage: Hat ihre Aufopferung wirklich etwas mit Attachment Parenting zu tun oder vielleicht eher damit, dass sie einen ganz wichtigen Punkt vergessen hat? William und Martha Sears reden nicht nur von den Baby´s, sondern auch von der Balance der Bedürfnisse von Kind und Mutter.

Ich habe mich beim lesen geärgert. Für mich beinhaltet Attachment Parenting eine Haltung. Eine Haltung die aus Liebe, Wertschätzung, Verantwortung, Achtsamkeit besteht und kein „Trend“! Nein, so möchte ich Menschen und vor allem meinen Kindern einfach begegnen. Weil ich sie liebe! Und aus meinem Blickwinkel hat die Verfasserin des Artikels den eigentlichen Sinn hinter diesem Konzept nicht in allen Bereichen komplett richtig verstanden bzw. dar gelegt hat.

(Meine Jungs sind natürlich schon etwas älter, deshalb kann ich nicht aktuell über Attachment Parenting – das sich, wenn man nach den Entwicklern geht, auf das 1. Babyjahr bezieht, berichten. Was ich aber mit euch teilen kann ist das Wissen und die Erfahrung in der Begleitung unserer Kinder aus einem Beziehungs- und Bedürfnisorientiertem Blickwinkel. Attachment Parenting wird ja nicht nach dem 1.Lj einfach beendet, sondern es verändert sich. Genauso wie wir uns verändern und auch unsere Bedürfnisse.)

Bedürfnisse gehen uns alle an. Es ist egal wie alt du bist, welchen Charakter du hast, welcher Religion du angehörst, ob du auf dem Land oder in einem Stadtteil lebst. Bedürfnisse hat jeder – und das ist auch gut so. Nur durch unsere unerfüllten Bedürfnisse merken wir, wann wir Hunger haben oder Durst. Ob uns der Sinn nach Gesellschaft steht oder wir Raum und Zeit für uns brauchen. Fühlen wir uns genährt oder nicht? Wenn wir Erwachsene das merken können wir darauf reagieren. Der Vorteil am älter werden ist, dass wir die meisten Bedürfnisse selbst befriedigen können – Wir sind für uns selbst verantwortlich. Kinder haben viele Kompetenzen noch nicht, um sich zb. ein Brot zu schmieren. Aber sie haben eine ganz wichtige Kompetenz – sie äußern ihr Unwohlsein bei unerfüllten Bedürfnissen. Und das von Anfang an. Durch weinen, jammern oder lautes schreien. Unsere Aufgabe als Eltern ist es auch, diese Bedürfnisse wahrzunehmen, zu erkennen und sie zu erfüllen.

Im ersten Lebensjahr, da sind sich wahrscheinlich die meisten einig, werden wir die Bedürfnisse ohne großes „Wenn und Aber“ erfüllen und es fällt uns zumeist auch nicht schwer unsere eigenen in dieser Zeit immer wieder hinten an zu stellen. Natürlich kommt es auch immer darauf an wie die Umstände sind. Je nach Familie und Baby werden wir anders gefordert und es gibt „pflegeleichtere“ Babys oder eben auch „High-Need-Babys“. Und hier fängt schon eine Kritik an dem besagten Artikel an. Wenn eine Familie ein, sagen wir mal, in sich ruhendes Baby hat, dass viel schläft, vielleicht sogar ohne Begleitung einschlafen kann, das ohne Probleme Nahrung zu sich nehmen kann, die Verdauung klappt usw. können wir diese zeitweise Bedürfnisverschiebung gut wegstecken, weil wir an anderer Stelle Zeit und Raum für uns finden können – zb. dann wenn das Baby seinen 2 Stunden-Vormittag-Schlaf macht. Attachment Parenting, mit all seinen Aspekten, fällt dann wahrscheinlich nicht schwer. Was machen aber Eltern die ein Baby haben, dass nur mit Körperkontakt schläft, alle 2 Stunden gestillt werden will, oder wenn ein Elternteil nachts schlafen muss, weil er sonst seiner beruflichen Tätigkeit nicht richtig nachgehen kann? Oder wenn ich als Mama mit Fieber im Bett liege. Muss ich dann auf „Teufel komm raus“ Stillen, tragen, Familienbetten? Darf ich mich dann noch AP-praktizierend nennen, auch wenn ich „nur“ mein Baby nicht schreien lasse?

In dem Artikel wird meiner Ansicht nach etwas dogmatisiert und verallgemeinert was so nicht sein sollte. Und die Selbstfürsorge wird ganz weg gelassen. Es ist eine Methode mit der eine (individuelle) Familie unterstützt werden soll und die individuelle Begleitung unserer Kinder. Nicht jede Mama kann oder will stillen – aber beim Fläschchen geben kann ich genauso eine Bindung zu meinem Kind eingehen. Nicht jeder kann oder will unentwegt tragen – deshalb kann ich meinem Kind beim gemeinsamen Mittagsschläfchen oder Couchkuscheln doch auch Körpernähe geben. Nicht jeder will ein Familienbett – deshalb kann ich als Mutter doch trotzdem prompt auf die Bedürfnisse eingehen. Genauso ist es auch andersherum. Es gibt Babys die alleine besser schlafen, oder die sich mit dem ständigen tragen nicht arrangieren können.

Das Familienleben kann nie nach EINER Methode mit XY Punkten ausgerichtet werden. Ich muss hinterfragen was uns gut tut, was ich will oder nicht will, wie wir leben. Ich muss nach links und rechts schauen und auch Verantwortung für mein/unser Leben übernehmen und es nicht einer Methode in die Schuhe schieben, wenn irgendetwas anders läuft als gewünscht!

Es ist ja auch nicht so das ein Baby oder Kleinkind niemals unruhig werden darf, weil ein Bedürfnis nicht erfüllt ist. Kinder dürfen weinen, sie dürfen ihren Unmut äußern wenn sie so empfinden. Als Eltern müssen wir das aber aushalten können. Ich muss da nicht immer sofort gegenregulieren und starr meine To-Do-Liste abhaken. Was viel eher von Bedeutung ist, dass ich mein Baby nicht wissentlich schreien lasse, weil ich zum Beispiel damit etwas erreichen will (nicht verwöhnen, alleine schlafen…) Wenn Babys schreien, dann tun sie das als äußerstes Notsignal. Sie haben Schmerzen oder Angst – Angst um´s Überleben. Wenn ein Baby meckert/jammert, weil sich der erste Hunger meldet, die Mama aber noch schnell zum Klo muss, oder ihrem größeren noch schnell ein Marmeladenbrot schmiert, weil er auch hungrig ist und die Stillmahlzeit einfach zu lang zum warten ist, dann ist das so. Es geht hier auch um den Kontakt, um die Ver-Bindung. Bin ich da? Kommuniziere ich? Versuche ich, so schnell es mir möglich ist auf das Bedürfnis einzugehen?

Es geht auch um ständige Abwägung. Welches Bedürfnis muss oder sollte zuerst erfüllt werden. Das ist anstrengend. Und deshalb ist es umso wichtiger auch unsere Bedürfnisse nicht aus den Augen zu verlieren. Nicht weil wir einem „Erziehungstrend“ folgen der uns das vorschreibt, sondern weil wir es uns wert sind und um die Wichtigkeit der Selbstfürsorge und der Selbstliebe wissen.

Ich kann mich nur dann gut um andere Menschen kümmern, wenn ich mich auch um mich selbst sorge und kümmere.

Das ist eines der wichtigen Dinge, dass ich aus meiner Mutterschaft und aus unserem Beziehungs- und Bedürfnisorientiertem Leben gelernt habe! Und ich möchte Eltern, gerade junge Eltern, ermutigen Attachment Parenting so zu leben wie es ihnen möglich ist. Vielleicht auch kritisch zu beäugen und zu hinterfragen. Denn dann besteht die wunderbare Möglichkeiten unsere Kinder zu begleiten, ihnen Sicherheit zu vermitteln und das auf dem ganz eigenen Weg und in einer individuellen Art und Weise. Jeder sollte die Punkte umzusetzen die man aus vollem Herzen heraus umsetzen kann! Weil du dich selbst und deine Kinder liebst ♥

Alles Liebe,

deine Maria

Attachment Parenting – nur eine Anleitung zur Aufopferung?

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