Im ersten und zweiten Teil meiner Achtsamkeits-reihe ging es relativ „trocken“ um die theoretischen Hintergründe… ok ein wenig anleitende Praxis war auch dabei 😉

In den folgenden zwei Beiträgen möchte ich dich gerne daran teilhaben lassen, was es für mich persönlich bedeutet mit Kindern den Alltag achtsam zu gestalten und wie ich für mich das ganze auch praktisch umgesetzt habe…

Ich weiß nicht, ob es dir vielleicht auch so geht, aber bei mir ist es oftmals so, dass ich etwas höre/lese/sehe von dem ich schwer begeistert bin und dann alles 1000% auch genauso umsetzen will… Tja, dass das nicht funktioniert muss ich wohl gar nicht erwähnen. Ich tue es aber trotzdem und sage dir erstmal: Atme tief ein und aus und bleib relaxed. Es geht nicht. Du kannst nicht von 0 auf 100 zur totalen Gelassenheit übergehen. Es geht eigentlich eher in Babyschritten. Und dann fällst du wahrscheinlich auch mal hin, weil es eine stressige Situation gab. Oder du müde bist. Oder krank. Oder, oder, oder… Aber weißt du, das ist nicht schlimm.

Mit jedem Schritt, jedem Stillstand, jedem Bewusst-werden, kann etwas ganz wunderbares passieren. Es gibt dir die Chance auf Wachstum.

Auf das entdecken deiner Gefühle, deiner Stärken und deiner Schwächen. Und das wiederum gibt dir die Möglichkeit dich genauso anzunehmen und dir zu sagen „Ok, war doof. Hätte ich anders lösen können. Ich war aber wohl in diesem Moment noch nicht soweit. Das ist nicht schlimm. Ich muss nicht perfekt sein“

Für mich gibt es keine Fehler mehr… alles ist Entwicklung und jede Entscheidung zeigt uns einen Weg und wir dürfen entscheiden ob dieser Weg für uns der „richtige“ ist. Und wenn es nötig ist korrigiere ich diesen Weg und schlagen eine andere Richtung ein.

Denn genau das ist doch oft das Problem (gerade bei Eltern). Wir wollen am liebsten immer alles richtig und keine Fehler machen und wenn es nicht klappt, wälzen wir uns am besten noch im Selbstmitleid und Schuldgefühlen, damit es uns so richtig schlecht… Total blöd und total unnötig. Unsere Kinder wollen aber gar keine perfekte Eltern. Unsere Kinder möchten authentische Menschen. Die ehrlich sind. In erster Linie zu sich selbst und die das dann auch nach außen transportieren können. Die ihre Stärken und Schwächen ganz offen zeigen, sich Fehler eingestehen können, an Einstellungen arbeiten und sich weiter entwickeln. Denn genau das wollen wir doch in den meisten Fällen auch für unsere Kinder? Das sie sich ehrlich und authentisch uns gegenüber zeigen können und das (wie so vieles andere auch) liegt in unserer Verantwortung und an uns, als Vorbild. Also nimm am besten deinen Perfektionismus an die Hand und bringe ihr bei, auch mal unperfekt sein zu dürfen 😉

Und wenn du achtsam mit dir umgehst wirst du bald feststellen, dass dies nicht nur ein Prozess ist, der nach innen gerichtet statt findet. Wenn du für dich diese Haltung verinnerlicht hast, wird die Achtsamkeit auch deine äußere Umwelt beeinflussen – gerade im Alltag mit deinen Liebsten. Zu sehen, dass da gerade Müdigkeit ist, oder Ärger, oder Enttäuschung, birgt wundervolle Möglichkeiten in Beziehung zueinander zu leben. Um dann sagen zu können: „Ich sehe dich mit deinen Gefühlen.“ Man muss nicht immer alles verstehen, warum es dem anderen so geht. Für ihn ist es so und ich finde, ich habe kein „Recht“ zu beurteilen ob dieses Gefühl stimmt oder nicht… Ich helfe dem anderen (und auch mir) viel mehr, wenn ich achtsam und bewusst da bin und ihn durch dieses Gefühl begleite.

Für unsere Kinder (vor allem auch in der Autonomiephase) ist es so wichtig, ihre Gefühle wahrzunehmen und sie zu begleiten. Sie nicht „falsch“ zu machen. Aus der Hirnforschung ist bekannt, dass der emotionale Bereich weiter entwickelt ist als andere Bereiche. Das lässt sich relativ einfach damit erklären, dass es für Babys evolutionsbiologisch betrachtet, mehr „Sinn“ gemacht hat Emotionen herauszufiltern (Bindung aufbauen, Emotionale Signale deuten, Gesichtsausdrücke lesen), als sich logische Schlussfolgerungen zu erschließen…

Was bedeutet das? Kinder (und auch noch Erwachsene!) reagieren bei Stress zuerst mit dem emotionalen Teil ihres Gehirnes. Es wird also der Teil im Gehirn angesprochen, der am weitesten und auch am längsten entwickelt ist. Was passiert, wenn ich nicht achtsam mit den Gefühlen meines Kindes umgehe… Ich mache es wahrscheinlich falsch und schlecht. Ich nehme es nicht wahr und werte es ab. Ich finde keine Worte für die Gefühle die hinter dem „Wutanfall“ stehen und bewerte nur das Verhalten. Womöglich komme ich sogar noch mit logischen/kognitiven Erklärungen in einer starken Impulsreaktion „Wenn du deinen Bruder haust, ist es ja kein Wunder das er zurück haut…“ Mein Kind kann es aber gar nicht aufnehmen. Dieser Bereich ist gerade lahmgelegt. Regelrecht außer Gefecht gesetzt, da die Gefühle kognitive Bereiche überfluten. Ich muss zuerst die Gefühle wahrnehmen, begleiten, trösten und was auch immer dazu gehören mag. Und hier kommt für mich das surfen ins Spiel…

Wenn wir für uns die Praxis der Achtsamkeit als Schlüssel entdeckt haben, sind wir dazu in der Lage im gegenwärtigen Moment zu sein – ohne Bewertung. Diese Präsenz kann uns dabei helfen diesen Blick, bzw. diese Haltung auch auf unsere Kinder zu übertragen. Wenn mein Blick für mich und meinen Körper geschärft wurde, ich besser akzeptieren kann, ich gelassener reagiere, wird sich das auch auf mein Familienleben auswirken. Ich übertrage meinen wachen Blick auf meine Umwelt.  Und wenn ich für mich selbst Mitgefühl entwickeln kann, fällt es mir leichter Mitgefühl für meine Kinder (oder auch meinen Partner, Freunde…) zu entwickeln. In dem Buch „Die Kunst gelassen zu erziehen – von Lienhard Valentin und Petra Kunze“ habe ich die Metapher des Surfens, die der Meditationslehrer Jack Kornfield eingeführt hat, entdeckt. Der Alltag gestaltet sich mit unterschiedlich hohen Wellen. Manchmal ist die See ruhig. Aber dann kommt es auch vor, dass es kleine oder größere Wellen (Ärger, Müdigkeit, Krankheit, Frust…) gibt. Je besser es mir geht, desto leichter kann ich herannahende Wellen sehen und auch auf ihr surfen. Geht es mir nicht gut, fällt es mir schwerer… Auch hier ist die Achtsamkeitspraxis für mich sehr hilfreich, da sie mir ermöglicht Gefühle oder Bedürfnisse meinerseits rechtzeitig zu erspüren und ich dann aktiv dazu beitragen kann diese Gefühle zu äußern oder meine Bedürfnisse zu erfüllen. Ich komme auf meinem Surfbrett wieder ins Gleichgewicht.

Vielleicht möchtest du jetzt wissen wie ich das anstelle? Diesen Teil möchte ich mir gerne für den 4. und letzten Teil meiner Achtsamkeitsreihe aufheben 🙂 Du darfst dich also noch auf meine „private“ Achtsamkeitspraxis freuen und wie sie sich im laufe der Zeit entwickelt hat.

Es wäre jetzt natürlich schön zu schreiben, dass mir das immer gelingt und ich immer im Gleichgewicht auf meinem Surfbrett stehe… aber ich bin eben auch „nur“ ein Mensch und das schönste Erlebnis über die Erkenntnis der Achtsamkeit und des Mitgefühls hatte ich in einem „unperfektem“ Moment… Meine zwei Jungs und ich saßen dabei im Auto. Ich war genervt, verärgert und gestresst, weil ich mit den Stimmungsschwankungen meines kleinen nicht zurecht kam. Mein großer Sohn saß hinter mir und er hat seine Hand liebevoll auf meine Schulter gelegt und leise gesagt: „Es tut mir leid, dass du jetzt so ein Stress hast“. Mehr nicht. In diesem Moment hat er mich in meiner Erschöpfung gesehen, war mitfühlend und hat mir damit die Möglichkeit gegeben wieder zu mir zu kommen…und zu der Beziehung zwischen uns.

Ich freue mich wie immer über deine Rückmeldungen – egal in welcher Form und Weise – Vielleicht hast du auch andere Fragen oder Anregungen? Dann schreibe mir doch hier

Alles Liebe,

deine Maria

Achtsam mit mir und dir?…Teil 3 – Über Perfektionismus, Emotionen und das Surfen lernen.

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